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Entdecker und Schreiber

Bernhard Bidmon – Abenteurer und Totengräber

Ich habe Bernhard Bidmon bei einem Trekking in der Dhaulagiri-Region kennengelernt. 3 Wochen teilten wir uns den knappen Raum im Zelt und den Lodges.

Geboren 1953 wächst Bernhard in Göppingen auf. Die Eltern stammen aus dem Sudetenland. Noch heute lebt er zusammen mit seinem Bruder im elterlichen Haus in der Schubartstraße. Nach dem Realschulabschluss wird er Landschaftsgärtner. Über 20 Jahre bis zu seinem Ruhestand ist der Friedhof in Faurndau sein Arbeitsplatz. Noch als Jugendlicher sammelt er erste Bergerfahrungen an den Kletterfelsen der Schwäbischen Alb und im Tannheimer Tal. Später dann die klassischen Routen von den Hohen Tauern über die Dolomiten bis zu den Westalpen. Mit 25 durchquert er die Sahara, seine erste Reise außerhalb von Europa. Es folgen an die 50 Reisen nach Indonesien, Tadschikistan, Kasachstan oder zu den hohen Bergen im Tian Shan, im Pamir Gebirge, in den Anden, im Karakorum und Himalaya.

Treffe ich mich mit Bernhard, dann geht es nicht um die einfachen Dinge. Reden über Alltägliches ist für ihn Zeitverschwendung. Ein Gespräch über Berge, Abenteuer, den Friedhof und das Leben.

Bernhard – sprechen wir über deinen Beruf. Was ist dir lieber: Totengräber oder Friedhofsgärtner?

Meine etwas akademische Antwort lautet: Ich bin „Sepulcrator“ und mache in „angewandter Thanatologie“. Die poetischere Umschreibung: Ich bin in der Gefolgschaft des Sensenmannes tätig. Nach 27 Jahren als Landschaftsgärtner bei der Firma Jeutter stand mir der Sinn nach einem Wechsel. Da stieß ich auf dieses Stellenangebot. Seither bin ich der Totengräber von Faurndau.

Was gefällt dir an deinem Beruf?

Ich kann hier völlig selbständig arbeiten, keiner redet mir rein. Ich bin an der frischen Luft und habe ein ruhiges Umfeld. Es ist alles klar und geordnet. Die Anlage eines Friedhofs und dessen Pflege unterscheidet sich nicht von der Arbeit in einem Hausgarten. Es ist nichts Besonderes.

„Der Tod ist für mich Erlösung…“

Du arbeitest seit Jahren täglich zwischen unzähligen Gräbern, die an Verstorbene erinnern. Wie gehst du mit dem Gedanken an den eigenen Tod um?

Dazu habe ich schon immer meine ganz eigene Meinung. Unabhängig vom Friedhof. Der Tod ist für mich die Erlösung von einem Leben, das einem besser erspart geblieben wäre. Das Buch „Prediger“ aus dem Alten Testament hat mich geprägt. Dort steht: „Noch besser sind die dran, die gar nicht geboren wurden und die Ungerechtigkeit auf der Erde nicht sehen.“

Dann hättest du Deine ganzen Reisen nicht unternehmen können…

Ja und? Alles was wir in unserem Leben so anstellen dient doch letztlich nur dazu unsere Lebenszeit halbwegs abwechslungsreich zu gestalten. Wir sind nun mal hier und müssen schauen wie wir zurechtkommen.

Siehst du einen Sinn in deinem Leben?

Immer wieder höre ich das Leben sei ein Geschenk. Das halte ich für Unfug um nicht zu sagen für unverschämt. Ein Geschenk ist etwas mit dem man anderen eine Freude bereiten möchte. Ohne Erwartung. Das Leben betrachte ich hingegen als Bürde. Nein, es hat keinen Sinn. Es erfüllt lediglich einen Daseinszweck, weil wir gebraucht werden von denen die vor uns da waren.

Hast du Angst vor deinem Tod?

Wir sind darauf programmiert uns vor dem Tod zu fürchten. Steht der Sensenmann eines Tages neben mir und fordert mich auf mitzukommen, habe ich nicht vor mich zu wehren. Mit klarem Kopf müsste ich dann wohl sagen: jetzt ist es eben vorbei. Gut so. Wie es mir dann aber gehen wird in dieser Situation, das weiß ich nicht. Das eigentlich Schlimme ist ja ein langsames Sterben. Siechtum, Schmerzen, Angst.

Glaubst du an die Ewigkeit?

Glauben heißt nicht wissen. Das ist irrational.

„Freude am Leben habe ich aber schon. Manchmal.“

Ist das nicht eine ziemlich nihilistische Denke?

Ich bin kein fröhlicher Mensch. Eher ernsthaft, nachdenklich und mitunter auch melancholisch. Freude am Leben habe ich aber schon. Manchmal.

Hattest du eine glückliche Kindheit?

Nach den damaligen Maßstäben wohl schon. Die Verhältnisse waren überschaubar und geregelt. Meine Eltern lebten in dem Bewusstsein: wir sind nichts, wir haben nichts, wir sind unwichtig. Das hat mich sehr geprägt. Ich war immer ein Außenseiter. Mein Selbstwertgefühl konnte ich erst stärken mit meiner Abenteuerlust und der Beschäftigung mit Dingen, die andere Menschen eher verängstigen. Schlangen und Insekten zum Beispiel.

Dazu gehört dann wohl auch die Mumie bei Dir zuhause…

Nach einer Ägypten-Reise in den 70-er Jahren befasste ich mich intensiv mit ägyptischer Geschichte. Und weil ich gerne male und modelliere hatte ich die Mumie von Tutanchamun lebensgroß nachgebaut. Und zwar aus Fichtenholz, überzogen mit Pappe, Kleister, Zement und Palisanderlasur. Daneben hatte ich auch eine 10 Kilo schwere Nachbildung seiner Totenmaske angefertigt. Aus vergoldetem Blei.

Du hast eben deine Abenteuerlust angesprochen, die dir geholfen hat deinen Selbstwert zu stärken. Diese Lust hast du ausgelebt mit dem Bergsteigen und unzähligen Abenteuerreisen. Wo bist du überall gewesen?

Meine erste Fernreise außerhalb von Europa war eine Sahara-Durchquerung. Da war ich 25 Jahre alt. Es folgten Reisen in den Dschungel von Irian Jaya, nach Ecuador an den Amazonas, zu den Wasserfällen von Iguazu  sowie Trekkings und Expeditionen in den Himalaya, das Pamir Gebirge, die Anden, den Karakorum, nach Tian Shan, Kasachstan, Tadschikistan. Es gibt kaum ein Gebirge auf dieser Welt, das ich nicht schon bereist habe. Außer Alaska und die Rocky Mountains.

Warum? Wegen der berüchtigten Kälte am Denali?

Nein. Überhaupt nicht. Nordamerika ist mir zu teuer.

„ob ich den Gipfel erreiche ist nachrangig“

Welche Reise hat dich am meisten beeindruckt?

Jede Unternehmung hatte ihren eigenen Reiz. Wichtig ist für mich immer das gesamte Erlebnis: die Natur, die Einsamkeit, die körperliche und mentale Herausforderung, der Umgang in der Gruppe. Ob ich dabei den Gipfel erreiche ist nachrangig.

Als wir 2013 zusammen am Dhaulagiri unterwegs waren sind wir in einen heftigen Sturm geraten. Drei Teilnehmer aus unserer Gruppe wären beinahe erfroren, einer erblindete vorübergehend. Wie gehst du mit solchen Gefahren um?

Ich wurde bei meinen Unternehmungen mehrmals von Lawinen verschüttet, konnte mich aber jedes Mal befreien. Einmal wurden wir im Dschungel nachts mitsamt unseren Zelten von einer Flutwelle weggerissen und wären beinahe ertrunken. Nahezu unsere gesamte Ausrüstung hatte es fortgeschwemmt und es war uns vollkommen klar, dass wir da niemals lebend herauskommen würden. Bis wir nach Tagen halb verhungert und von Mosquitos zerstochen durch einen unfassbaren Zufall auf eine Funkstation der US Armee gestoßen sind von der aus wir ausgeflogen wurden. Am Shivling im Garhwal-Himalaya bin ich kurz vor dem Hochlager in über 6.000 Metern Höhe in eine steile Flanke gestürzt und habe mir einen Arm zertrümmert und mehrere Rippen gebrochen. In dieser einsamen Gegend gab es selbstverständlich keine Bergnotrettung. Und so musste ich 5 Tage Abstieg und die Zugfahrt nach Delhi durchstehen bevor ich das erste Mal einen Arzt zu Gesicht bekam. Der war aber wenig vertrauensweckend und so ließ ich mich erst nach meiner Rückkehr in der Klinik am Eichert behandeln. Solche Gefahren gehören zu derartigen Unternehmungen dazu.

„Afrikaforscher wäre mein Traumberuf gewesen“

Was treibt dich an?

Meine Eltern hatten mich zum Lesen animiert. Vor allem Bücher über Forscher und deren Reisen habe ich verschlungen. Afrikaforscher wäre mein Traumberuf gewesen. Dazu hätte ich aber vor 200 Jahren leben müssen. Berge in entlegenen Regionen sind die Ziele für heutige Abenteurer.

Wie hältst du dich fit?

Mit Laufen und Radfahren. Zwei- bis drei Mal die Woche. Vor einer anstrengenden Reise steigere ich dann die Umfänge. Meine größte Sorge ist, dass mich meine Hüftarthrose demnächst lahmlegen wird. Ab 60 Jahren geht es abwärts. Das merke ich.

„Facebook und Twitter würden mich nur ablenken“

Du fotografierst noch mit einer analogen Kamera auf Diafilmen. Es sind großartige Aufnahmen darunter. Dennoch erscheint mir das umständlich. Warum nutzt du nicht die Vorzüge einer Digital-Kamera?

Ich brauche das nicht. Ich fotografiere mit einer 30 Jahre alten Spiegelreflexkamera und bin sehr zufrieden. Ohnehin beschäftige ich mich nur mit Dingen und Themen für die ich die digitalen Techniken, soweit sie mir überhaupt geläufig sind, nicht benötige. Und was ich nicht benötige, das interessiert mich auch nicht. Ich habe kein Internet und kein Smartphone. Facebook und Twitter kenne ich nur vom Hörensagen. Das alles würde mich nur ablenken.

„wenn man so will ist meine Lebensgefährtin eine Pythonschlange“

Du lebst mit deinem Bruder in einer WG. Gab es nie eine Frau in deinem Leben, den Wunsch nach Familie?

Eine Frau passt nicht zu meinen Zielen und Vorhaben. Das war immer klar. Und auch ein bürgerliches Leben mit Frau und Kindern hat mich nie interessiert. Zu Kindern habe ich keinen Bezug. Viele finden ja Babys und kleine Kinder süß. Ich weiß ehrlich gesagt nicht warum. Wenn man so will ist meine Lebensgefährtin eine Pythonschlange. Seit 38 Jahren. Sie ist ungefähr 1,40 Meter groß, spricht nicht, bewegt sich kaum und ist im Wesentlichen mit Fressen und Verdauen beschäftigt. Ich weiß nicht einmal ob es sich um ein weibliches oder männliches Tier handelt.

Demnächst gehst du in Rente, hast du schon Pläne für deinen Ruhestand*?

Ich lasse das auf mich zukommen. Alles gewinnt an Wert durch seine Begrenztheit. Ist die freie Zeit neben Beruf und anderen Aufgaben knapp, dann ist sie wertvoll. Im Ruhestand werde ich viel freie Zeit haben. Ich fürchte daher, dass ich die Freude an dem verliere was mich bisher immer interessiert und fasziniert hat. Aber vielleicht entdecke ich ja Neues.

 

 

Fotos: Heiko Herrmann (www.heikoherrmann.com)

*Das Gespräch wurde im Frühjahr des vergangenen Jahres aufgezeichnet. Mittlerweile ist Bernhard Bidmon im Ruhestand.

14 Kommentare

    René Stohrer

    31. Januar 2020 - 8:53

    Lieber Till,
    großes Kompliment und herzlichen Dank daß Du uns „normale“ Menschen mit Deinen Interviews etwas aus
    dem Alltag holst und bereicherst.
    Tolle unkonventionelle Sache und so wie wir Dich kennen ist noch einiges zu erwarten !
    LG René

    Uwe

    16. Januar 2020 - 14:21

    Originelle Idee, das mit den Interviews.

    Inhaltlich klingt der Interviewte für mich irgendwie sehr traurig/niedergeschlagen. Trotzdem gefällt mir das Interview.

    Bettina Zapp

    13. Januar 2020 - 10:11

    Spannend! Herzliche Grüße
    Bettina (Martin) Zapp

    Schlenker, Bernd

    12. Januar 2020 - 17:54

    Hallo Till
    dein Artikel über Herrn Bidmon war absolut authentisch und weit entfernt, fake zu sein.
    Herr Bidmon war jahrelang Kunde bei uns , kaufte all seine Diafilme für die gute alte
    analoge Spiegelreflex in unserem Geschäft ( digital passt nicht in sein Lebensbild ) und
    ließ uns immer hautnah , an all seinen Exkursionen teilhaben.
    Wenn er mal wieder lädiert von einem Trip zurückkam, meinte er nur lapidar :
    lieber einen ordentlichen Absturz hinlegen, als im Altenheim dahinsiechen.
    Wir haben ihn immer als eine willkommene Bereicherung im alltäglichen
    Geschäftsleben gesehen.
    Mach weiter so – ich freue mich schon auf weitere Beiträge.

    Froehler Rudolf

    12. Januar 2020 - 15:17

    „Wer ist eigentlich Reihold Messner?“
    Das war mein erster Gedanke, als ich Tills Interview las. Was für eine Biographie. Bernhard könnte locker der Protagonist zeitgenössischer Literatur sein. Seine Geschichte berührt, ist interessant und inspiriert. Er gehört zu den Mutigen, von denen es immer weniger gibt in unserem ängstlichen Alltag.
    Mehr davon!! Ich freue mich schon heute auf den nächsten Beitrag.

    Winfried Abele

    12. Januar 2020 - 8:40

    Danke für den Hinweis auf Dein Autorendebut in der NWZ, lieber Till. Ja, die NWZ, ich weiß nicht, wann ich sie das letzte Mal gelesen habe. Einen Totengräber und Abenteurer zu porträtieren, eine bemerkenswerte Kombination von Lebenswelten, ich hatte keine Erwartungen, nicht mein Leben, aber als ich die ersten Antworten von Bernhard Bidmon auf Deine Fragen las, war ich doch überrascht, welchen Tiefgang dieser Mensch hat. Dass Totengräber Originale sein können, wusste ich, aber Bernhard Bidmons Lebensphilosophie ist ungewöhnlich, er zitiert sogar den „Prediger“. Vielleicht erklärt seine Melancholie und seine Lebensverachtung die Lust an der Gefahr, den Reiz des Grenzgängers in lebensunwirtlichen Regionen. Ich bin gespannt auf die weiteren Folgen Deiner Reihe, Till. Übrigens – Auf dem abgedruckten Bild bist Du sehr gut getroffen!

    Uwe Laub

    11. Januar 2020 - 17:30

    Der Herr scheint ja sehr „eigen“ zu sein, mit sehr „eigenen“ Ansichten, wie man im Schwabenländle so sagt … Auf jeden Fall sehr interessant zu lesen.

    Schöner Auftakt, ich wünsche viel Erfolg, Herr Herwig!

    Schellito

    11. Januar 2020 - 16:12

    Moin Herr Herwig,
    toller Bericht über einen Menschen, der einem so nicht jeden Tag über den Weg läuft. Ich bin gespannt, was noch kommt. Evtl. ein Bericht über einen in Thailand lebenden Lasertag-Arena-Betreiber? :p

    LG aus Bangkok
    Christian

    Klaus Brosowski

    10. Januar 2020 - 17:18

    Hallo Till, Super – habe das sehr gern gelesen. Kann mich noch gut an Ihn erinnern. Wir hatten ja mal einen sehr netten Abend zusammen.
    Das Du jetzt diese Seite erstellt hast und sicherlich auch pflegst, finde ich klasse! Bin schon neugierig was noch alles so auftaucht!

    Elisabeth Brosowski

    10. Januar 2020 - 16:39

    Lieber Till,
    wunderbar, dass es die netten Anekdoten aus Deinen Begegnungen mit besonderen Menschen jetzt in dieser Form gibt!! Und der Bernhard ist ein toller Anfang! Spannender Mensch, spannendes Leben, und das so ungewollt und unkaprizioes. Ich mag die Bilder und Deinen fesselnden Schreibstil der Lust macht mehr zu erfahren. Klasse, ich freue mich schon jetzt auf das nächste Porträt!

    Heidrun Schad-Mattern

    10. Januar 2020 - 9:00

    Begeisterung!
    Danke.
    Freue mich auf alles was kommt.

    Jochen Maass

    9. Januar 2020 - 20:13

    Was für ein interessanter Mensch! Viele Aussagen decken sich mit meinem Denken. Toller Start, Till.
    Ich freue mich schon auf die nächsten Gespräche.

    Klaus Martin

    9. Januar 2020 - 19:04

    „(…) selbständig arbeiten, keiner redet mir rein.“ Ich habe jetzt einen neuen Traumjob ! Sehr netter Anfang, auch wenn die Till-typischen spitzen Bemerkungen noch fehlen 😉 . Das kommt sicher bald. Ich habe jedenfalls am Bildschirm bis zum Ende gelesen, was nicht so oft vorkommt.

      Frank und Barbara Schaller

      10. Januar 2020 - 19:16

      Hallo Till,
      haben diesen deinen Artikel mit Begeisterung gelesen.
      Manchmal mussten wir auch lachen.
      Finden wir super.
      Freuen uns schon auf das nächste Interview.

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Till Herwig

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